Warum gibt es ein eigenes Angebot zum PflegeEngagement in Berlin?


Generationenwandel und Pflegeunterstützung

Die Idee für neue Projekte zur Unterstützung Pflegebedürftiger und ihrer Angehörigen im Umfeld häuslicher Pflege ist aus vier zentralen Erfahrungen entstanden, die der Generationenwandel für viele Akteure, Träger und Projekte im Bereich sozialer Arbeit mit sich bringt.

Die vier Erfahrungsbereiche machen einen Handlungsbedarf deutlich, dem sich das Kompetenzzentrum Pflegeunterstützung und SEKIS stellen:

Nachfrage nach Gemeinschaft von älter werdenden Menschen in der Großstadt


Die erste Erfahrung ist, dass seit einigen Jahren die Zahl der Ratsuchenden stark zugenommen hat, die sich aktiv auf ihr Alter und eine mögliche Hilfebedürftigkeit vorbereiten wollen. Es sind auffällig viele alleinlebende Personen (meist Frauen), die ein selbständiges Leben geführt haben und sich für das Alter ihre Autonomie erhalten wollen. Sie haben meist eine Familie, wollen sich aber auf diese „nur im Notfall“ stützen. Sie fragen nach Selbsthilfegruppen, die sich nicht um ein Thema gründen, sondern um das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Sie fragen nach Aktivitätengruppen, vor allem aber nach gemeinschaftlichen Wohnformen im Alter. Sie suchen Gleichgesinnte, mit denen sie eine Art Wahlverwandtschaft aufbauen können.
Tatsächlich sind solche Gruppen auch entstanden, aber es zeigt sich, dass der Fokus der Gemeinsamkeit nicht immer leicht zu finden oder tragfähig ist (wegen unterschiedlicher Interessen, sozialer Situation, Kommunikationsfähigkeit oder Erwartungshaltung).  Sie sind sehr fragil. Unausgesprochen steht der mögliche Hilfebedarf im Alter im Mittelpunkt. Obwohl sich das gemeinsame Wohnen meist nicht realisieren lässt, gibt es ein großes Bewusstsein für die Bedeutung der Nähe, auch der räumlichen Nähe, wenn es um mögliche informelle Unterstützungsformen gehen soll. Tatsächlich funktionieren diese Gruppen besonders gut, wo sie im Umfeld von Nachbarschaftsinitiativen entstanden sind.
Es gilt also die Idee der Selbsthilfe, die sich in der Regel thematisch organisiert (z.B. um eine Krankheit) als lokales Hilfekonzept zu denken und die Erfahrungen der Selbsthilfeunterstützung für das Thema des möglichen Hilfe- und Pflegebedarfs weiter zu entwickeln.

Generationenwandel und Auswirkungen auf die pflegerische Versorgung


Die zweite Erfahrung ist der Beratungs- und Unterstützungsbedarf von chronisch Kranken und Familien mit Pflegebedürftigen. Die Bedeutung des Generationenwandels und die Konsequenzen einer älter werdenden Gesellschaft spiegeln sich auffällig dringlich auch in der Arbeit der Kontaktstellen für Selbsthilfe und Pflegeunterstützung.
Die Zunahme von Alleinlebenden im Alter, die stärkere Belastung der mittleren Generation mit Versorgungsaufgaben für Kinder und (manchmal zwei) Eltern(-paare), die Beeinträchtigungen durch zunehmende chronische Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit im Alter stellen viele Menschen ganz unmittelbar vor neue Herausforderungen. Hinzu kommt ein geringer werdendes „Töchterpotenzial“ sowie Unzulänglichkeiten im Bereich der Pflege. Auch die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf stellt heute viele Menschen vor vielfältige Herausforderungen. Insgesamt sind pflegende Angehörige oft großen Belastungssituationen ausgesetzt. Sie benötigen zeitweise Entlastung und Unterstützung bei der Organisation von Hilfen für ihre pflegebedürftigen Angehörigen. Die Notwendigkeit wechselseitiger Unterstützung in der Gesellschaft zusätzlich zu oder im Vorfeld von professionell angebotenen Dienstleistungen wird so immer sichtbarer.
Neben dem politischen Handlungsbedarf und der Sicherstellung notwendiger guter Angebote auf der Seite der professionellen Versorger, muss auch der private, familiäre und informelle Sektor neue Wege suchen. Formen der Selbstorganisation und der Selbsthilfe bekommen vor diesem Hintergrund mehr Gewicht.
Für das Projekt von Bedeutung ist auch die Tatsache, dass es für den Bereich der Versorgung und Unterstützung von Menschen mit Demenz und deren Angehörigen (nicht genug, aber doch) zahlreiche Hilfemöglichkeiten gibt (z.B. § 45c SGB XI). In der Selbsthilfekontaktstelle und der Kontaktstelle PflegeEngagement melden sich aber viele Betroffene, die einen ähnlichen Unterstützungsbedarf bei chronischen Krankheiten (MS, Parkinson, Schlaganfall) und Behinderungen haben, die zunächst nach Selbsthilfe fragen, aber immer auch Gemeinschaft sowie Entlastung im Alltag suchen, der auch den Bereich der häuslichen Pflege mit einbezieht.
Mit der Selbsthilfe verbinden diese Ratsuchenden eine Hilfeform mit großem Selbstbestimmungspotential, das Individualität und Flexibilität verspricht. Das Projekt „Sorgende Netze – Selbsthilfe und Pflege im Wohnumfeld“ will insbesondere auch auf deren Bedürfnisse einzugehen versuchen.

Verknüpfung von Engagement und Selbsthilfe im Wohnumfeld


Die dritte Erfahrung ist die große Bereitschaft zum Engagement älter werdender Menschen, die sich mit dem Angebot zur Mitarbeit an die Kontaktstellen in ihrem Stadtteil wenden.
Die Gründe für eine Aktivierung von Engagement- und Selbsthilfepotenzialen innerhalb einer Nachbarschaft liegen daher auf der Hand, da hier zwei Bedürfnisse miteinander verknüpft werden können. Immer mehr Menschen suchen nach alternativen Unterstützungsformen bei Alter, Krankheit oder Beeinträchtigung. Andere möchten sich in die Gesellschaft einbringen und suchen eine strukturierende Beschäftigung angebunden an gut organisierte und identitätsstiftende Einrichtungen.
Die Kontaktstelle PflegeEngagement in Charlottenburg-Wilmersdorf als Partner der Selbsthilfekontaktstelle ermöglicht und erprobt daher Maßnahmen, wie eine solche wechselseitige Unterstützung in Gruppen unter Einbeziehung auch des bürgerschaftlichen Engagements aufgebaut und gelebt werden kann.

Wunsch nach Gemeinschaft und Verlaufsformen von Gruppen


Der Bedarf an Unterstützung im Alter manifestiert sich in der Regel als Einzelhilfebedarf (für eine Person, für einen Haushalt), auf den die meisten professionellen Angebote auch eingestellt sind. In den Anliegen derjenigen, die sich an die Kontaktstellen für Selbsthilfe und PflegeEngagement wenden, kommt einerseits ein Bedürfnis nach Gemeinschaft hinzu und werden andererseits Hilfeformen erfragt, die die Elemente von Selbstbestimmung und aktiver Mitgestaltung in den Vordergrund stellen. Gesprächs- und Selbsthilfegruppen greifen diese Bedürfnisse auf, erfüllen aber oft „nur“ einen Teil der Anliegen, z.B. die nach Austausch und Kontakt. Obwohl das Bedürfnis danach groß ist, auch soziale Kontakte jenseits der Gruppen zu haben und für den Alltag konkrete Hilfe zu finden, scheitern viele Gruppen an dieser Schwelle.  Freundschaftliche Nähe, verbindliche Vertrautheit und Bereitschaft zum Entgegenkommen brauchen bestimmte Voraussetzungen. Viele Gruppen scheitern dann, wenn diese Bedürfnisse ungleich verteilt sind, die Hilfeerwartung über das hinausgeht, was in Selbsthilfe zu leisten ist und die Gruppenmitglieder zu weit voneinander entfernt sind, im ganz wörtlichen Sinn.
Hieraus entstand die Idee, dass Gruppen, die den Charakter von Selbsthilfeinitiativen (Selbstorganisation) und Hilfenetzen haben sollen, zwei zusätzliche Elemente brauchen: räumliche Nähe der Mitglieder und Unterstützung durch Menschen, die explizit zur Hilfe für andere bereit sind: Ehrenamtliche.


Gemeinsames Projekt der Senatsverwaltung und der Pflegekassen

Die Unterstützung von Selbsthilfe und Ehrenamt rund um die häusliche Pflege ist ein gemeinsames Infrastrukturvorhaben der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung Berlin sowie der privaten und gesetzlichen Pflegekassen.

Begründung der Förderung

Die Kontaktstellen PflegeEngagement sind mit der inhaltlichen Schwerpunktsetzung auf das pflegeflankierende, bürgerschaftliche Engagement und der engen Verzahnung von Gemeinwesenarbeit und Pflege an die Berliner Strukturen der Stadtteilzentren, insbesondere den Selbsthilfekontaktstellen angebunden.


Definition:
Eine Kontaktstelle PflegeEngagement für pflegeflankierendes Ehrenamt und Selbsthilfe entwickelt und unterstützt abhängig von Bedarfen, Nachfrage und Ressourcen kleinere, wohnortnahe Selbsthilfe- und Ehrenamtsstrukturen für betreuende und pflegende Angehörige sowie Pflegebedürftiger und Personen mit erheblichem allgemeinem Betreuungsbedarf, die in der eigenen Wohnung oder Häuslichkeit oder in einer ambulanten Wohngemeinschaft leben. Es handelt sich hierbei vor allem um gruppenorientierte Angebote, Besuchs-, Begleit- und Alltagshilfsdienste. Sie stellt bereit oder vermittelt Hilfen, Räume, Ausstattung und zahlt Aufwandsentschädigungen für ehrenamtlich Tätige. Sie zahlt keine Zuschüsse aus.


Es wird eine Kontaktstelle PflegeEngagement je Berliner Stadtbezirk gefördert. Die Kontaktstelle PflegeEngagement ist angebunden an das in Berlin im Rahmen der etablierten Selbsthilfeförderung des Landes Berlin bestehende Netz der Selbsthilfekontaktstellen oder im Einzelfall an eine fachlich besser geeignete Nachbarschaftseinrichtung, deren Träger durch das Land im Rahmen des Förderkonzepts Stadtteilzentren eine Zuwendung erhält.
Die Anbindung besteht sowohl trägerseitig wie fachlich-inhaltlich. Die fachlich-inhaltliche Anbindung erfolgt durch die Bildung eines erweiterten Fachkräfteteams bestehend aus den hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Kontaktstelle PflegeEngagement sowie der Selbsthilfekontaktstelle oder des vornehmlich für Engagementförderung zuständigen Arbeitsbereichs der Nachbarschaftseinrichtung.

Diese 12 Stellen bilden ein Netzwerk, das - ggf. unterstützt durch gesamtstädtische Fachstellen – auf dem Wege des überregionalen Austausches Standards sowie Förder- bzw. Unterstützungsansätze weiterentwickelt. Die 12 Stellen sollen im Rahmen ihres Netzwerkes auch Ansätze und Modelle, die auf den Gedanken des Austausches und der gegenseitigen Hilfe von Menschen mit und ohne Bezug zur Pflegebedürftigkeit beruhen, diskutieren und die Ergebnisse der Diskussion in die jeweiligen Stadtteilzentrenverbünde oder geeignete sozialräumliche Netzwerke einbringen.

 

 

 

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